Vox - Kritiken

"Say it with a Song" - Harres St. Leon Rot - 09.04.2000

Konzertkritik von Reinhold Stegmeier in der Rhein-Neckar-Zeitung

09. April 2000, HARRES St. Leon-Rot - Human Nation e.V.: "Say it with a song"

Junge Musik mit viel Leidenschaft und Profil

"Human Nation EV" (Chor mit Band) und Gastchöre bescherten dem Publikum im ausverkauften Harres Sport und Kulturzentrum drei musikalische Sternstunden.

 

Wo anfangen, wo aufhören, bei einem mit gesanglichen Glanzpunkten gespickten Drei-Stundenprogramm eines kurzweiligen, herrlichen Festivals von jungen Chören der Spitzenklasse? Was sich schon seit etlichen Wochen andeutete, wurde vergangenen Sonntagabend Wirklichkeit, denn das Harres Sport- und Kulturzentrum in St. Leon-Rot war proppenvoll. Nichts ging mehr. Hinter diesem denkwürdigen Konzertabend steckte "Human Nation" e.V. St. Leon-Rot, Chor und Band. Dieser Verein wurde vor zwei Jahren gegründet und hat sich der modernen Musikliteratur unterschiedlicher Richtungen verschrieben. Das Repertoire umfasst Liedgut aus den Bereichen Gospel, Spiritual, Rock, Pop, Blues, Oldies und Musical. Erinnert sei an den ersten großen Konzerterfolg vor zwei Jahren im ebenfalls restlos ausverkauften Harres Kultur und Sportzentrum, welcher unter dem Motto "Sing A Song" stand und die Erwartungen der Verantwortlichen bei weitem übertraf. Heuer hieß das Motto "Say it with a Song" und war praktisch eine Fortsetzung des Konzerterfolges aus dem Jahre 1998. Neben dem Gastgeber "Human Nation" waren weitere musikalische Gäste zu hören: Der gemischte Chor "Vox Humana" und das Vocalensemble "Vocomotion Vocal", beide aus Jockgrim, die schon vor zwei Jahren das Publikum in St. Leon-Rot begeisterten. Neu präsentierte sich der Chor "Choralle" aus Berg. Weitere musikalische Glanzpunkte setzten die Solisten Thomas Berzel und Thomas Muth sowie die Solistin Verena Martin. Mit Lothar Kollak als Conferencier hatte "Human Nation" einen Glüksgriff gelandet. Souverän und ohne auch nur eine Sekunde aufdringlich zu wirken, führte dieser durch die drei Sternstunden der Chormusik. Als Ehrengäste durfte Herr Kollak Bürgermeister Alexander Eger sowie den Vorsitzenden des Sängerbezirkes Wiesloch, Willi Maier, begrüßen.

Der Bühnenhintergrund zeigte die Skyline von Manhattan bei Nacht mit hellleuchtenden Wolkenkratzerfenstern. Einen ersten musikalischen Farbtupfer setzte "Human Nation" unter Chorleiter Konrad Knopf mit dem beschwingten Titel "Sing, sing, sing" von Louis Prima (Arr. Philipp Kern). Die Fangemeinde aus St. Leon-Rot bereitete dabei dem Chor fast ein Heimspiel. 45 Sängerinnen und Sänger gaben für die Gesamtgemeinde St. Leon-Rot eine musikalische Visitenkarte vom Allerfeinsten ab. Nicht zu vergessen auch die fünfköpfige Band von "Human Nation". Am Keyboard agierte Gerd Heger äußerst einfühlsam. Die übrigen Instrumente ergänzten den Sound: Saxophon und Klarinette: Hermann Metz, Bass: Günter Wawretschka, Gitarre: Gebhard Hofstetter und Dieter Leist am Schlagzeug. Die musikalische Gesamtleitung lag in den Händen von Konrad Knopf. Zusammen mit Reiner Finger begleitete er die meisten Stüke am Klavier. Für die ausgezeichnete Ton- und Lichttechnik zeigten sich Uwe Hess, Karl-Heinz Bitz und Beate Schäfer verantwortlich. Der Gastchor "Choralle Berg" mit seinen knapp 65 Sängerinnen und Sängern unter der Leitung des jungen Dirigenten Stephan Knehr wurde ebenfalls vor zwei Jahren gegründet und fährt seither auf der Erfolgsschiene steil nach oben. Geboten wurde durch die Bank moderne Musikliteratur, die beim Publikum bestens ankam. "We are the world" ist zweifellos eine der schönsten Kompositionen von Michael Jackson. Wäre dieser am vergangenen Sonntagabend im Harres gewesen, dann hätte er so begeistert geklatscht wie das Publikum, welches Jacksons Ohrwurm geradezu in sich hineinsog.

Eine weitere Überraschung bot der seit acht Jahren agierende Chor "Vox Humana" aus Jockgrim, den Konrad Knopf musikalisch betreut. Das 30-köpfige Ensemble entpuppte sich als Chor der Meisterklasse. Ob Spirituals, Liebeslieder oder schottisch-irische Weisen, der Chor wußte das Publikum mit seinem prächtigen und ausgeglichenen Klang hellauf zu begeistern. Besonders "Puttin On The Ritz" aus den 30er Jahren hatte es den Zuhörern angetan, was der herzliche Beifall bewies. Dann holte Chorleiter Konrad Knopf zu "Vox Humana" noch seine Sängerinnen und Sänger von "Human Nation" auf die Bühne. Der stimmgewaltige Gesamtchor sang das "Alleluja" von Mac Huff, welches vor Lebendigkeit nur so strotzte. Die Zuhörer gingen mit spontanem "Hand-Clapping" wie elektrisiert mit. Anschließend brillierte "Human Nation" mit bekannten Spirtuals, Bei der Komposition "Sing And Rejoice" übernahm Lothar Kollak mit seiner sonoren Stimme den Sprechpart. Dass die Besucher in St. Leon-Rot drei musikalische Sternstunden erleben durften war nicht zuletzt auch ein Verdienst des "Vocomation Vocal Ensemble" aus Jockgrim. Vier junge Damen und zwei junge Herren nahmen auf der Bühne Aufstellung. Bei den Herren handelte es sich um den Chorleiter Stephan Knehr und um den Solisten Matthias Muth. Was dann an gesanglicher Darbietungen und Choreographie folgte, war Weltklasse. Kräftiger Beifall, übergehend in regelrechte Ovationen und wiederkehrende Rufe nach Zugaben unterstrichen die Anziehungskraft dieser sechs Vollblutsänger/innen. Aber es sollte noch viel toller kommen. Thomas Berzel, heuer 36 Jahre alt, begann seine Karriere als Sänger im zarten Alter von acht Jahren als Sopran in einem Kirchenchor. Ohne Übertreibung darf gesagt werden, dass Berzel so manche Sängergröße locker in den Schatten stellt. Mucksmäuschenstill wurde es im Saal, als der Solist, begleitet von Konrad Knopf am E-Piano, Richard Geppert's zu Herzen gehende Komposition "Save me" anstimmte. Nur soviel, der Beifall wollte schier nicht mehr enden.

Ein weitere Höhepunkt waren die Szenen aus "Starlight Express". Hier lässt Andrew Lloyd Webber das Ensemble als Lokomotiven verkleidet in allen Größen und Bauarten über die Bühne flitzen, denn jede Lok möchte die Schnellste sein. Auf Rollschuhen rauschte die Dampflok Rusty in der Person von Thomas Berzel durchs Scheinwerferlicht. Eine weitere Lokomotive auf Rollschuhen stellte Mathias Muth dar. Als die beiden Künstler den bekannten Song "Starlight Express" zum Besten gaben, war es um das Publikum geschehen. "I Don't Know How To Love Him" heißt eines der schönsten Lieder aus dem Musical "Jesus Christ Superstar". Die Sopranistin Verena Martin war es, die dem Publikum mit diesem Musical-Filet-Stük wohlige Schauer über den Rüken jagte. Im Garten von Gethsemane klagte Jesus sein Leid. Zweifel befallen ihn; er ist am Ende. Diese Szene aus "Jesus Christ Superstar" brachte Thomas Berzel nicht nur gesanglich, sondern auch schauspielerisch rüber. Spätestens jetzt war der absolute Höhepunkt der musikalischen Sternstunden erreicht. Wenn sogar dem routinierten Conferencier Lothar Kollak die Worte fehlten, dann sagt dies alles aus. Thomas Berzel ist zu wünschen, dass er den Sprung in die oberste Sängerebene bald schaffen möge. Am Schluss der glanzvollen konzertanten Darbietungen ein ganz tolles Bild. Im verdunkelten Saal nahmen alle Sängerinnen und Sänger der Chöre im Halbrund vor dem Publikum Aufstellung. Lichter flammten auf. Dann ertönte aus vielen Stimmen die Melodie "Say It With A Song" - sag es mit einem Lied. Am Ende dann Beifall über Beifall für die leidenschaftlich agierenden, mit großer Bandbreite aufwartenden Stimmakrobaten: "Eine gute Werbung für den etwas an-deren Chorgesang, der Jung und Alt gleichermaßen begeistert", so die Meinung des Sängerbezirksvorsitzenden Willi Maier am Schluss des Festivals der jungen Chöre.